Was ist der Stundenverrechnungssatz — und warum ist er nicht dein Stundenlohn?

Der Stundenverrechnungssatz (kurz: SVS) ist der Preis, den du für eine Arbeitsstunde deines Betriebs berechnest. Das klingt simpel — ist es aber nicht, wenn du ihn richtig verstehst. Der größte Denkfehler beim Thema Kalkulation: Den Stundensatz mit dem eigenen Stundenlohn gleichzusetzen.

Ein Beispiel, das viele kennen: Ein Geselle kostet brutto 18 €/h. Der Inhaber denkt, 40 € pro Stunde sind gutes Geld. Die Rechnung klingt nach satten 22 € Marge. Tatsächlich deckt sie kaum die Kosten — weil Sozialabgaben, Fahrzeugkosten, Versicherungen, Steuerberater, Werkzeugverschleiß und die eigene Zeit für Bürokram nirgends eingerechnet sind.

Der SVS ist kein Lohn. Er ist der Preis, der notwendig ist, damit dein Betrieb nach Abzug aller Kosten noch etwas übrig hat — für Investitionen, Rücklagen und deinen eigenen Lebensunterhalt.

Was der Stundenverrechnungssatz abdecken muss:

  • Direktlohnkosten: Bruttolohn der ausführenden Mitarbeiter inklusive Sozialabgaben (Arbeitgeberanteil)
  • Gemeinkosten: Alles, was anfällt ohne direkt einer Baustelle zurechenbar zu sein — Miete, Fahrzeuge, Versicherungen, Büromaterial, Telefon, Steuerberater, Software
  • Kalkulatorischer Unternehmerlohn: Wenn du als Inhaber kein fixes Gehalt ziehst, muss dein Lebensunterhalt trotzdem irgendwo herkommen — der SVS ist der richtige Ort dafür
  • Gewinnaufschlag: Nicht dasselbe wie Unternehmerlohn. Das ist der Anteil, der nach allem übrig bleiben soll — für Investitionen, Rücklagen, schlechte Zeiten

Wer das nicht kennt oder nur grob schätzt, merkt spät — meist erst beim Jahresabschluss — dass das Jahr viel Arbeit, aber wenig Ertrag gebracht hat.


Die Formel (einfach erklärt)

Die Grundformel ist überschaubar:

Grundformel Stundenverrechnungssatz
SVS = (Gesamtkosten pro Jahr + Gewinnaufschlag) ÷ Produktive Stunden pro Jahr
Alle Beträge netto, ohne Mehrwertsteuer

Klingt abstrakt — deshalb gehen wir die einzelnen Bausteine durch.

Lohnkosten (direkt)

Das ist der Bruttolohn der Mitarbeiter, die auf der Baustelle arbeiten — plus die Lohnnebenkosten, die als Arbeitgeber dazukommen. Als Erfahrungswert aus der Praxis liegt der Arbeitgeberanteil bei rund 20 % des Bruttolohns (Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung). Bei einem Gesellen mit 2.800 € Brutto wären das also rund 560 € zusätzlich — macht 3.360 € Lohnkosten pro Monat, die du kalkulieren musst.

Als Inhaber ohne festes Gehalt: Setz dir einen kalkulatorischen Unternehmerlohn ein, der dem entspricht, was du verdienen müsstest wenn du als Angestellter gleiche Qualifikation und Verantwortung hättest. Das ist keine Willkür — das ist betriebswirtschaftlich korrekte Kalkulation. Wer das weglässt, subventioniert seinen Betrieb aus der eigenen Tasche.

Gemeinkosten

Das ist der Teil, der am häufigsten unterschätzt wird — weil viele Kosten nicht monatlich auffallen, sondern jährlich oder versteckt. Eine realistische Liste für einen typischen Handwerksbetrieb:

Fahrzeuge
Leasing, Versicherung, Kraftstoff
Oft der größte Einzelposten. Nicht nur Leasing — auch TÜV, Reparaturen, Winterreifen.
Versicherungen
Betriebshaftpflicht, Werkzeug, BU
Werden oft als Einmal-Jahresbetrag bezahlt und im Monatsdenken vergessen.
Werkzeug & Maschinen
Anschaffung, Reparatur, Ersatz
Werkzeug verschleißt. Die Kosten dafür gehören in den SVS, nicht in den Jahresgewinn.
Büro & Verwaltung
Steuerberater, Software, Büro
Steuerberater, Buchhaltungssoftware, Telefon, Internet, ggf. Büromiete.
Miete & Lager
Werkstatt, Lagerraum, Hof
Auch wenn der Betrieb von zuhause aus läuft: anteilige Raumkosten können angesetzt werden.
Sonstiges
Fortbildung, Werbung, Puffer
Messen, Weiterbildungen, Website, Visitenkarten — alles was für den Betrieb ausgeht.

Gewinnaufschlag

Der Gewinnaufschlag ist kein Luxus — er ist die Absicherung. Nach Erfahrungswerten aus der Praxis liegt er bei Handwerksbetrieben zwischen 5 und 15 % auf die Gesamtkosten. Was genau sinnvoll ist, hängt von der Betriebssituation ab: Wer investieren will, braucht mehr. Wer schuldenfrei und stabil ist, kann kürzer kalkulieren. Als Mindest-Richtwert: 8–10 % sollten es sein, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben.

Produktive Stunden — der entscheidende Nenner

Hier liegt die zweite häufige Fehlkalkulation: Wer 220 Arbeitstage à 8 Stunden ansetzt, kommt auf 1.760 Stunden pro Jahr. Aber nicht jede davon ist produktiv abrechenbar.

Als Erfahrungswert aus der Praxis gilt: Im Handwerk sind etwa 60–70 % der Jahresarbeitszeit tatsächlich fakturierbar. Der Rest geht drauf für:

  • Fahrzeit zur Baustelle (nicht immer berechenbar)
  • Materialbeschaffung und Wartezeiten
  • Angebote schreiben, Mails beantworten, Bürokram
  • Leerzeiten zwischen Aufträgen
  • Urlaub, Feiertage, Krankheitstage

Das macht bei Vollzeit realistisch etwa 1.300–1.600 produktive Stunden pro Jahr und Person. Wer 1.760 Stunden als Basis nimmt, verschenkt sehenden Auges Marge.

Beispiel: Ein Betrieb mit einem Mitarbeiter (Gesamtlohnkosten 48.000 €/Jahr) und 35.000 € Gemeinkosten hat 83.000 € Jahreskosten. Mit 10 % Gewinnaufschlag macht das 91.300 €. Bei 1.500 produktiven Stunden ergibt das einen SVS von etwa 60,87 €/h netto. Nicht 40 €, nicht 45 € — 61 €. Wer weniger nimmt, fährt langfristig Verlust.

Typische Werte nach Gewerk (Erfahrungswerte)

Die folgende Tabelle zeigt Richtwerte aus der Praxis. Diese Werte sind Erfahrungswerte — je nach Region, Betriebsgröße und Kostenstruktur stark unterschiedlich. Großstädte liegen oft 15–25 % über Landregionen. Betriebe mit hohen Fahrzeugkosten oder Lagerfläche liegen höher als solche ohne. Die eigene Kalkulation schlägt jeden Vergleichswert.

Gewerk Stundenverrechnungssatz (netto) Hinweis
Elektriker ca. 65–90 €/h Höherer Wert bei Sicherheits-/Industrieanlagen
Sanitär / Heizung (SHK) ca. 70–95 €/h Hohe Fahrzeug- und Materialvorhaltekosten
Maler / Lackierer ca. 55–75 €/h Materialeinsatz meist separat kalkuliert
Schreiner / Tischler ca. 60–80 €/h Maschinenkosten stark unterschiedlich
Garten- und Landschaftsbau ca. 55–75 €/h Saisonale Auslastung drückt Jahresdurchschnitt

Diese Werte dienen als grobe Orientierung, nicht als Benchmark. Wer seinen eigenen SVS mit diesen Zahlen vergleicht anstatt ihn zu kalkulieren, macht den zweiten Fehler nach dem ersten.


Interaktiver Rechner: Deinen Stundenverrechnungssatz berechnen

Gib deine Zahlen ein — der Rechner zeigt dir deinen persönlichen SVS. Alle Angaben bleiben lokal in deinem Browser, es wird nichts gespeichert oder übertragen.

SVS-Rechner

Für Einzelunternehmer und kleine Betriebe. Alle Beträge netto, ohne Mehrwertsteuer.

Gehalt des/der Mitarbeiter(s) — oder dein kalkulatorischer Unternehmerlohn
Mitarbeiter + Inhaber, sofern produktiv tätig
Arbeitgeberanteil Sozialabgaben — Erfahrungswert: ~20 %
Miete, Fahrzeuge, Versicherungen, Werkzeug, Steuerberater, Software …
Erfahrungswert: 8–12 % für solide Kalkulation
Richtwert: 220 Tage (nach Urlaub und Feiertagen)
8h Arbeitstag ≈ 6–6,5h fakturierbar (Fahrten, Verwaltung, Leerzeiten abgezogen)
Bitte fülle alle Pflichtfelder aus (Bruttolohn und Jahresgemeinkosten).
Jahreslohnkosten gesamt
Jahresgemeinkosten
Gesamtkosten pro Jahr
Davon Gewinnaufschlag
Produktive Jahresstunden
Stundenverrechnungssatz (netto)

Alle Angaben ohne Gewähr. Dient als Orientierungswert — keine steuerliche oder betriebswirtschaftliche Beratung. Für verbindliche Kalkulation: Steuerberater oder Handwerkskammer hinzuziehen.


Was tun, wenn der SVS „zu hoch" wirkt?

Die Rechnung ist fertig, das Ergebnis liegt auf dem Tisch — und es fühlt sich falsch an. 78 €/h? Das nehmen doch die wenigsten hier. Das zahlt doch kein Kunde. Das Gefühl kennen viele. Und es ist erklärbar: Wir vergleichen unsere Kalkulation automatisch mit dem, was die Konkurrenz aufruft. Das ist eine Falle.

Vergleich mit dem Wettbewerb ist die falsche Basis

Was der Nachbarbetrieb berechnet, sagt nichts darüber aus, was er tatsächlich verdient. Vielleicht kalkuliert er falsch und merkt es noch nicht. Vielleicht ist sein Betrieb schuldenfrei und das Fahrzeug schon abbezahlt. Vielleicht zieht er sich selbst kein Gehalt. Der richtige Vergleich ist nicht der Wettbewerb — der richtige Vergleich ist: Was kostet mein Betrieb mich, und was muss ich einnehmen damit es sich lohnt?

Preiserhöhung in Schritten

Wenn der kalkulierte SVS deutlich über dem liegt, was du bisher gerechnet hast, ist das kein Grund zur Panik — aber ein Grund, den Preis anzupassen. Nicht alles auf einmal. Erfahrungswert aus der Praxis: Eine schrittweise Erhöhung über 1–2 Jahre ist für Bestandskunden verträglicher als ein sprunghafter Anstieg. Neue Kunden bekommen sofort den richtigen Preis — die kennen keinen alten.

Effizienz steigern: Weniger Leerzeiten, bessere Auslastung

Der SVS ist ein Bruch — Kosten geteilt durch produktive Stunden. Du kannst ihn auf zwei Wegen senken: Kosten runter, oder produktive Stunden rauf. Wer seinen Betrieb besser auslastet und weniger Zeit mit Verwaltung, Nachfassen und Papierkram verbringt, erhöht die fakturierbare Zeit — und drückt damit den SVS, ohne an der Preisschraube zu drehen. Ein Betrieb, der statt 60 % auf 70 % produktive Auslastung kommt, braucht bei gleichen Kosten einen spürbar niedrigeren SVS.

Qualitäts-Positionierung statt Billigpreis

Betriebe, die dauerhaft unter Wert kalkulieren, gewinnen die falschen Kunden — die, die immer den günstigsten suchen. Die sind schwer zu halten, verhandeln bei jeder Rechnung und empfehlen nicht weiter. Betriebe, die klar und fair kalkulieren und das auch kommunizieren können, gewinnen Kunden, die Verlässlichkeit schätzen. Das ist keine Theorie — das ist, was aus der Praxis zurückkommt.

Kurz zusammengefasst: Wenn der SVS zu hoch wirkt, liegt das meistens nicht daran, dass er falsch berechnet ist — sondern daran, dass du ihn bisher zu niedrig angesetzt hast. Den Unterschied spürst du im Jahresabschluss.

SVS und Angebote — wie passt das zusammen?

Der Stundenverrechnungssatz ist die Basis — aber er landet nicht direkt im Angebot. Im Angebot steht die Position: „Montagearbeiten, 4 Stunden à XX €". Der SVS ist der interne Wert, den du für diese Kalkulation brauchst. Was für den Kunden sichtbar ist, ist der Endpreis pro Leistung.

Konkret: Du weißt jetzt, dass dein SVS bei 72 €/h liegt. Ein Auftrag kostet schätzungsweise 6 Stunden Arbeitszeit plus 80 € Material. Dann steht da: Lohnanteil 432 € + Material 80 € = 512 € netto — das ist deine Untergrenze. Alles darunter bedeutet: du verdienst weniger als dein Betrieb kostet.

Wie du das in ein sauber strukturiertes Angebot verwandelst — mit Positionen, Preisen und einem professionellen Layout — erklären wir in den weiterführenden Artikeln:

Und was du tust, wenn der Kunde nach dem Angebot nicht zurückmeldet:

Angebote immer noch per Hand kalkulieren? HandwerksFlow rechnet das automatisch — du gibst Stunden und Material ein, der Rest läuft von selbst. Kein Excel, kein Copy-Paste, kein Vergessen.

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Haftungsausschluss

Dieser Artikel enthält allgemeine Informationen zur betriebswirtschaftlichen Kalkulation. Er ersetzt keine steuerliche oder betriebswirtschaftliche Beratung. Die im Rechner ermittelten Werte sind Orientierungswerte ohne Gewähr. Für eine verbindliche Kalkulation empfehlen wir die Zusammenarbeit mit einem Steuerberater oder der Handwerkskammer.